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Eine kritische Auseinandersetzung mit der Theologie der Bethel Church und der NAR-Bewegung

Wenn wir heute in unseren Gottesdiensten Lobpreislieder singen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie aus Redding, Kalifornien, stammen. Die Bethel Church und ihr Kollektiv Bethel Music haben die weltweite christliche Landschaft geprägt wie kaum eine andere Bewegung in den letzten zwanzig Jahren. Lieder wie „Goodness of God“ oder „No Longer Slaves“ berühren Millionen.

Doch Musik ist niemals nur Melodie; sie ist der Träger von Theologie. Als Christen haben wir den biblischen Auftrag, nicht nur das Gefühl zu genießen, sondern den Geist dahinter zu prüfen: „Prüft alles und das Gute behaltet“ (1. Thessalonicher 5,21).

Wer hinter die Kulissen der schönen Melodien blickt und die Bücher von Bill Johnson (dem leitenden Pastor) oder die Lehren der New Apostolic Reformation (NAR) studiert, stößt auf ein theologisches Fundament, das alarmierende Risse aufweist. In diesem Artikel möchte ich die zentralen Lehren dieser Bewegung beleuchten und sie anhand der Bibel kritisch hinterfragen.


1. Wer war Jesus auf Erden? Der Kenosis-Irrtum

Das fundamentale Problem der Bethel-Theologie liegt nicht in ihrem Musikstil, sondern in ihrer Christologie – ihrer Lehre über Jesus Christus.

Bill Johnson lehrt in seinem Buch „Und der Himmel bricht herein“ eine These, die auf den ersten Blick faszinierend klingt: Jesus habe seine Göttlichkeit „abgelegt“, als er auf die Erde kam. Er habe seine Wunder nicht als Gott, sondern als ein Mensch vollbracht, der vollkommen vom Heiligen Geist abhängig war.

Warum lehren sie das? Die Logik der Bethel-Theologie ist pragmatisch: Wenn Jesus seine Wunder als Gott getan hat, können wir sie nicht nachmachen. Damit Jesus unser „Modell“ für Wunder und Zeichen sein kann, muss er sie als reiner Mensch getan haben. Das Ziel ist es, dem Gläubigen zu zeigen: „Was Jesus tat, kannst du auch – und mehr.“

Was sagt die Bibel? Diese Lehre ist eine gefährliche Verzerrung der sogenannten Kenosis (Selbstentäußerung) aus Philipper 2. Ja, Jesus verzichtete auf seine himmlische Herrlichkeit und seine Privilegien, aber niemals auf seine göttliche Natur.

  • Kolosser 2,9: „Denn in ihm [Jesus] wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“
  • Hebräer 13,8: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit.“

Wäre Jesus auf Erden nicht vollkommen Gott gewesen, hätte sein Opfer am Kreuz keine unendliche Kraft, um die Sünden der Welt zu tragen. Wir dürfen Jesus nicht zu einem bloßen „Wunder-Trainer“ reduzieren; er ist der Schöpfergott, den wir anbeten.


2. Wunder: Identitätsnachweis oder Gebrauchsanweisung?

Eng verknüpft mit der Sicht auf Jesus ist das Verständnis von Wundern. In der Bethel-Kultur liegt der Fokus extrem stark auf dem Übernatürlichen. Es wird gelehrt, dass wir dieselben Wunder tun müssen wie Jesus, um das Evangelium glaubhaft zu verkünden.

Dabei wird oft übersehen, warum Jesus Wunder tat.

Das biblische Korrektiv: Die Bibel nennt Wunder oft „Zeichen“ (griech. semeion). Ein Zeichen weist auf etwas hin. Die Wunder Jesu waren primär der Beweis seiner Göttlichkeit und seiner Autorität als Messias, nicht eine Anleitung für uns, wie wir die Realität beugen können.

Ein Schlüsselmoment ist die Heilung des Gelähmten in Markus 2. Jesus heilte ihn nicht, um zu zeigen, was ein Mensch im Geist tun kann. Er tat es als Beweis für etwas, das nur Gott tun kann:

„Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben… sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf!“ (Markus 2,10-11)

Auch das Stillen des Sturms führte bei den Jüngern nicht zu dem Gedanken: „Wow, das kann ich auch lernen!“, sondern zu heiliger Furcht: „Wer ist dieser, dass auch der Wind und das Meer ihm gehorchen?“ (Markus 4,41).

Indem Bethel lehrt, Wunder seien für jeden Christen jederzeit verfügbar und „normales Christsein“, wird der qualitative Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf verwischt.


3. Die Tyrannei des „Immer Heilung“ (Kingdom Now)

Ein weiterer Eckpfeiler der NAR und der Bethel-Theologie ist der Dominionismus (Herrschaftstheologie). Man glaubt, dass es unsere Aufgabe ist, den „Himmel auf die Erde“ zu bringen. Daraus folgt die Lehre: Es ist immer Gottes Wille zu heilen.

Krankheit, Armut und Leid werden als illegale Eindringlinge betrachtet, die der Gläubige durch Proklamation („Deklarieren“) beseitigen muss.

Die pastorale Gefahr: Diese Theologie klingt siegreich, hinterlässt aber eine Spur der Verwüstung. Wenn Heilung ausbleibt – was oft passiert –, wird die Schuld beim Leidenden gesucht:

  • „Du hast nicht genug Glauben.“
  • „Du hast unbewusste Sünden.“
  • „Du hast deine Autorität nicht genutzt.“

Das ist geistlicher Missbrauch. Die Bibel ist realistischer. Wir leben im „Schon jetzt“ (Erlösung ist da) und „Noch nicht“ (der Körper ist noch sterblich).

  • Paulus, der große Apostel, ließ seinen Mitarbeiter Trophimus krank in Milet zurück (2. Timotheus 4,20).
  • Er riet Timotheus zu Medizin (Wein) statt nur zu Gebet (1. Timotheus 5,23).
  • Jesus versprach uns nicht Dominanz über die Welt, sondern Frieden inmitten von Bedrängnis (Johannes 16,33).

Gott ist souverän. Er heilt, wann und wen ER will. Wir dürfen bitten, aber wir können ihn nicht zwingen.


4. Erfahrung über Schrift: Ein gefährlicher Weg

Schließlich müssen wir die geistliche Praxis betrachten. In Bethel-Kreisen wird oft eine „Kultur der Ehre“ gepflegt, die Kritik an Leitern unterbindet, und eine Offenheit für spirituelle Erfahrungen, die den Verstand umgehen.

Berichte über „Glory Clouds“ (Goldstaub), Engelserscheinungen und Praktiken wie das „Grave Soaking“ (sich auf Gräber von Erweckungspredigern legen, um deren Salbung aufzunehmen) sind dokumentiert.

Wenn Erfahrung („Ich habe es doch gespürt!“) wichtiger wird als das geschriebene Wort Gottes, öffnen wir Tür und Tor für Irrlehren und spirituelle Täuschung.

„Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden… und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.“ (2. Timotheus 4,3-4)

Wir brauchen keine „neuen Apostel“ mit neuen Offenbarungen. Das Fundament ist gelegt (Epheser 2,20). Wir haben die Schrift, und sie ist genug.


Fazit: Zurück zum Kreuz

Es ist nicht meine Absicht, den Glauben von Menschen zu verurteilen, die durch Bethel-Musik zu Jesus gefunden haben. Gott kann auch auf krummen Zeilen gerade schreiben. Aber als reife Christen müssen wir unterscheiden lernen.

Die Theologie aus Redding predigt einen Jesus, der „kleiner“ gemacht wurde (seine Gottheit abgelegt), um den Menschen „größer“ zu machen (wir sollen größere Wunder tun). Das ist nicht das Evangelium der Bibel.

Das wahre Evangelium dreht sich nicht um unsere Macht, unsere Wunder oder unsere Herrschaft auf Erden. Es dreht sich um das Kreuz, an dem ein souveräner Gott für sündige Menschen starb. Es ruft uns nicht zur Herrschaft, sondern zur Nachfolge – auch im Leid.

Lasst uns die Musik genießen, wo sie biblisch ist, aber die Theologie dahinter entschieden zurückweisen.

Mein Rat: Lest die Bibel. Prüft die Geister. Und lasst euch nicht von Glanz und Goldstaub blenden, sondern sucht die nüchterne, kraftvolle Wahrheit des Wortes Gottes.

Ein sehr gutes Buch, dass sich mit diesem Thema noch weiter auseinandersetzt ist: Das gefälschte Gottesreich von Holly Pivec und Douglas Geivett.
In Das gefälschte Gottesreich zeigen die Apologeten und NAR-Experten Holly Pivec und Douglas Geivett, wie die Hauptlehren der NAR das Evangelium verzerren, die Heilige Schrift verdrehen, von New-Age-Praktiken beeinflusst sind und gläubige Christen zum Schiffbruch im Glauben führen. Sie bieten praktische Hilfen für kritische Leser, die diese Bewegung bereits kennengelernt haben oder sich Sorgen um Angehörige machen. Was früher an den Rändern der Kirche stattfand, ist heute Mainstream, und viele werden davon beeinflusst, ohne es zu wissen. Dieses Buch ist ein Weckruf.

Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn. 2. Korinther 3,18