Mit dem Schuleintritt beginnt für ein Kind ein neuer Lebensabschnitt: Es lernt lesen und schreiben, seine Welt wird größer, sein Denken systematischer. Piaget nennt diese Phase treffend die konkret-operationale Phase – das Kind kann nun erstmals logisch denken, solange sich sein Denken an konkreten, anschaulichen Dingen festmachen kann. Diese neue Denkfähigkeit ist für die geistliche Entwicklung von enormer Bedeutung: Zum ersten Mal kann ein Kind Zusammenhänge nicht nur erleben, sondern auch bewusst nachvollziehen – geschichtliche und geografische Hintergründe, Ursache und Wirkung, den Aufbau von Erzählungen.
Chancen dieser Altersgruppe: Kinder in diesem Alter sind wissbegierig, lernen gern auswendig, lesen zunehmend selbst und können sich für die Geschichten anderer Menschen und Kulturen begeistern. Sie beginnen, wahre von erfundenen Geschichten zu unterscheiden – ein entscheidendes Zeitfenster, um ihnen deutlich zu machen: Die Bibel erzählt keine Legenden, sondern wahre Geschichte. Auch die Fähigkeit, das Prinzip von Ursache und Wirkung zu verstehen, reift in dieser Zeit heran – und mit ihr die intellektuelle Reife, eine erste bewusste, persönliche Entscheidung für Jesus zu treffen.
Herausforderungen dieser Altersgruppe: Das Denken bleibt trotz aller Fortschritte an das Konkrete gebunden – abstrakte, übertragene Bedeutungsebenen (wie sie z. B. Gleichnisse oder poetische Bildsprache verlangen) können noch nicht sicher erschlossen werden. Zudem beginnt in dieser Phase ein stark regelorientiertes Denken: Gut und Böse werden häufig an äußeren Regeln festgemacht („Wer sich an die Regeln hält, ist gut“) statt an der inneren Beziehung zu Gott. Hier besteht die Gefahr, dass Kinder ein gesetzliches, leistungsorientiertes Glaubensverständnis entwickeln, wenn Mitarbeiter und Eltern nicht bewusst gegensteuern.
Deshalb ist es gerade in dieser Phase entscheidend, biblische Geschichten altersgerecht und christuszentriert zu vermitteln: nicht als Vorbildergeschichten nach dem Muster „Sei mutig wie David!“, sondern eingebettet in Gottes große Rettungsgeschichte, die zeigt, dass der Mensch die Nähe zu Gott nicht durch eigene Leistung, sondern durch Gottes Handeln in Jesus Christus wiedergewinnt.
Die Rolle von Eltern, Gemeinde und Mitarbeitern: In dieser Phase praktiziert das Kind Liebe und Vertrauen zunächst aufgrund seiner Erfahrungen mit Eltern und wichtigen Erwachsenen – und beginnt darüber, Gottes Liebe zu verstehen. Das Kind lernt: Die Eltern müssen Gott gehorchen, und es selbst muss Gott ebenfalls gehorchen. Mitarbeiter und Eltern sind also nach wie vor entscheidende Vorbilder – ihre Beständigkeit ist eine der wichtigsten Qualitäten für die moralische und geistliche Entwicklung des Kindes in diesem Alter. Gleichzeitig eröffnet die Gemeinde dem Kind einen erweiterten Erfahrungsraum: gemeinsames Lernen in der Gruppe, erste eigene Bibellektüre, vertiefte Rituale und Gemeinschaft mit Gleichaltrigen.