Piaget nennt diese Phase treffend die formaloperationale Phase: Zum ersten Mal ist ein junger Mensch in der Lage, wirklich abstrakt zu denken – theoretische Begriffe zu erfassen, ohne dass sie an konkrete, sinnlich erfahrbare Beispiele gebunden sein müssen. Diese neue Denkfähigkeit verändert die geistliche Entwicklung grundlegend: Zum ersten Mal kann ein junger Mensch die Bibel nicht mehr nur als Sammlung einzelner Geschichten, sondern als ein zusammenhängendes, theologisches Ganzes erfassen.
Chancen dieser Altersgruppe: Jungscharler erwerben in dieser Phase eine Menge Fachwissen und können sich selbst kritisch hinterfragen, wenn sie es wollen. Sie sind – anders als jüngere Kinder – in der Lage, die gesamte Heilsgeschichte als große, zusammenhängende Erzählung zu erfassen, anstatt sie nur in Einzelepisoden zu erleben. Dies ist der ideale Zeitpunkt, um den Kindern erstmals bewusst den gesamten „roten Faden“ der Bibel zu zeigen: von der Schöpfung über die verschiedenen Heilszeitalter und Bünde Gottes bis zu Jesus Christus.
Herausforderungen dieser Altersgruppe: Rüdiger Maschwitz nennt diese Phase treffend das „Zeitalter der persönlichen Aufklärung“ – die Jungscharler meinen, sprichwörtlich, „die Weisheit mit Löffeln gegessen“ zu haben. Alles, was nicht gut begründbar ist, wird zumindest angezweifelt. Erste Fragen nach dem Sinn des Lebens tauchen auf, und auch im geistlichen Bereich beginnt eine intensive Identitätssuche. Hinzu kommen hormonelle Veränderungen, die zu einem ständigen Wechsel zwischen Freude und Wut, Ernsthaftigkeit und Albernheit führen können. Gleichzeitig gewinnen Schule und die Gruppe der Gleichaltrigen enorm an Bedeutung – oft mehr, als es die Familie tut.
Deshalb ist es in dieser Phase besonders wichtig, den jungen Menschen die Bibel christuszentriert und im großen Zusammenhang zu vermitteln: nicht mehr nur als Abfolge einzelner Geschichten, sondern als Gottes einen, großen Rettungsplan, der von der Schöpfung bis zu Jesus Christus reicht. Wer in dieser Phase versteht, dass die ganze Bibel ein einziges großes Thema hat – Jesus Christus und seinen Rettungsplan – bekommt ein Werkzeug, mit dem er auch später kritische Fragen und Zweifel einordnen kann.
Die Rolle von Eltern, Gemeinde und Mitarbeitern: In dieser Phase der Identitätssuche brauchen Jungscharler – wie es der Entwicklungspsychologe James Fowler formuliert – „die Augen und Ohren einiger anderer, denen sie vertrauen, um darin das Bild ihrer sich entfaltenden Persönlichkeit zu entdecken“. Gute, geistlich reife Vorbilder im Mitarbeiterkreis sind daher unverzichtbar. Gleichzeitig bleibt die Familie wichtig, auch wenn der Einfluss der Gleichaltrigengruppe zunimmt und diese Phase häufig auch von ersten Auseinandersetzungen mit den Eltern geprägt ist. Die Gemeinde kann hier einen sicheren, alternativen Raum bieten, in dem sich der junge Mensch mit Fragen zur eigenen Identität und zum eigenen Glauben auseinandersetzen darf.